„Die mentale Stärke unterscheidet die sehr guten von den guten Sportlern“


Michael Micic sprach mit uns über seine Tätigkeit als Life-Coach im Spitzensport und der Wirtschaft, Erfolgsdruck und ob ein Life-Coach ins Trainerteam eines Profiteams gehört.


Welche Tätigkeiten gehören zu Ihrem Beruf als Life-Coach?

Bei meiner Coachingtätigkeit in Wirtschaft und Sport geht es darum, Fach- und Führungskräfte beziehungsweise Sportler, Trainer und Funktionäre in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu fördern und sie dabei zu unterstützen, selbstständig Lösungen für ihre eigenen Anliegen zu erarbeiten – und sie auch umzusetzen. Das geschieht schwerpunktmäßig im Einzelcoaching, also im 1:1. Darüber hinaus biete ich Vereinen und Verbänden auch Beratungen an, zum Beispiel bei interkulturellen Herausforderungen, halte Vorträge und führe Trainings im Sinne von Seminaren und Workshops für Teams durch.

Mit welchen „Problemen“ setzen Sie sich in der Regel auseinander?

Sehr häufig geht es im Coaching um Karriere- und Leistungsthemen, aber auch um Konflikte im Team oder um die Frage nach der Vereinbarkeit von Job, Partnerschaft und Familie. Durch die Perspektivenerweiterung auf verschiedene Lebenszusammenhänge gelangen wir beim Life-Coaching allerdings auch immer wieder zu existenziellen Fragen nach dem Selbstwert oder der individuellen Sinnstiftung im Leben.

Welche Spitzensportler betreuen Sie beziehungsweise haben Sie bereits betreut?

Als ich vor einigen Jahren mit dem Coaching anfing, kam mein erster Klient aus dem Radsport. Allerdings wurde schnell klar, dass mein Schwerpunkt im Fußballbereich liegen würde – spätestens seit meinen Hospitationen in der englischen Premier League.

Als angestellter Life-Coach beim 1. FC Köln habe ich dann hauptsächlich Spieler im Übergangsbereich zwischen dem Nachwuchs- und Profibereich betreut. Darüber hinaus auch Trainer und Verantwortliche. Im Laufe der Zeit habe Spieler aus den ersten vier Ligen betreut, von der Bundesliga bis zur Regionalliga. Außerdem bin ich vereinzelt auch im Einzelsport tätig. Zu meinen Referenzen zählt beispielsweise eine deutsche Box-Juniorenmeisterin.

Sie bieten auch Trainings für Teams oder Mannschaften an. Welche Themen stehen dabei im Vordergrund?

Bei meinen Trainings im Sinne von Seminaren und Workshops geht es vor allem um Themen wie Selbstachtsamkeit, Kommunikations- und Sozialkompetenz sowie um die Erarbeitung von kurz-, mittel- oder langfristigen Zielen und daraus abgeleiteten Maßnahmen.

Wie wichtige erscheint Ihnen die mentale Komponente im Spitzensport?

Sehr wichtig. Neben dem Talent ist es vor allem die mentale Stärke, die die sehr guten von den guten Sportlern und Teams unterscheidet. Jürgen Klopp hat in diesem Zusammenhang den Begriff „Mentalitätsmonster“ geprägt. Jeder Klub braucht und will sie.

Umso erstaunlicher ist es, dass im Spitzensport immer noch vergleichsweise wenig Augenmerk auf die Entwicklung und Förderung dieses Erfolgsfaktors gelegt wird. Beispiel Fußball: Bojan Krkic, der beim FC Barcelona ausgebildet und später dort Profi wurde und inzwischen in einigen europäischen Klubs gespielt hat, sagte Anfang des Jahres in einem Interview mit der spanischen Zeitung »El Pais«: „Als jungen Spieler bereiten sie dich darauf vor, physisch in der ersten Mannschaft zu bestehen, aber nicht mental. Niemand kümmert sich um diese Seite des Fußballs.“

Sehen Sie das auch so?

Ganz so drastisch wie Krkic würde ich es zwar nicht sehen. Dennoch sehe ich im Spitzensport insgesamt hier noch ein enormes Entwicklungspotenzial – sowohl auf als auch insbesondere neben dem Platz. Denn mentale Stärke erlangt man nicht ausschließlich durch Übungen und Tests. Sie hat auch mit Persönlichkeit, Charakter und einer positiven Prägung durch das soziale Umfeld zu tun.

Welche Möglichkeiten gibt es als Profisportler oder Trainer, mit dem stetigen Erfolgs- und Leistungsdruck klarzukommen und umzugehen?

Grundsätzlich ist es immer hilfreich und wichtig, ein gutes und stabiles soziales Umfeld zu haben bzw. zu schaffen, in dem man als Profisportler oder Trainer einfach Mensch sein darf und leistungsunabhängige Wertschätzung, Ehrlichkeit und Geborgenheit erfährt.

Darüber hinaus ist es ratsam, sich auch mit Themen außerhalb des Sports zu beschäftigen und wenn möglich einer Interessengruppe anzuschließen, ein Studium zu absolvieren etc. Außerdem helfen regelmäßige bewusste Auszeiten, um Erlebtes zu reflektieren und sich weiterzuentwickeln.

Wie lange dauert im Durchschnitt eine Betreuung eines Sportlers? Sind es Wochen, Monate oder vielleicht sogar Jahre in denen intensiv gearbeitet wird?

Das ist sehr unterschiedlich und individuell verschieden. Manchmal läuft ein Coaching mit Sportlern ähnlich wie im Wirtschaftsbereich ab – zeitlich begrenzt mit in der Regel drei bis fünf Sitzungen à anderthalb bis zwei Stunden, die sich im Normalfall über einen Zeitraum von zwei bis drei Monaten erstrecken. Es gibt aber auch Sportler und Trainer, mit denen ich in eine komplette Saison gehe oder die ich bereits seit mehreren Jahren in unregelmäßigen Abständen betreue.

Sollte Ihrer Meinung nach ein Life-Coach in einem großen Verein, Team oder Verband als selbstverständlich angesehen werden und zum klassischen Trainerteam gehören?

Ob ein Life-Coach unbedingt dem Trainer- und Betreuerteam angehören und damit ein Interner sein muss oder eher als Externer Betreuungsaufgaben übernehmen sollte, hängt vom individuellen Gesamtkonzept und der Zielsetzung des jeweiligen Vereins oder Verbands ab.

Ich halte es in jedem Fall für sinnvoll und notwendig, dass ein Team, Verein oder Verband nicht nur mit Sportpsychologen, sondern auch mit Life-Coaches zusammenarbeitet. Denn zahlreiche private Skandale und Negativbeispiele aus den verschiedensten Sportarten zeigen, wie wichtig eine professionelle Unterstützung und Begleitung in Fragen der Persönlichkeitsentwicklung und gelingenden Lebensgestaltung ist. Und genau dieser Schwerpunkt – also die Verbindung von Leistung und Leben – unterscheidet die Arbeit eines Life-Coaches von der Arbeit eines Sportpsychologen.


Zur Person Michael Micic

Michael Micic, Jahrgang 1977, verheiratet, vier Kinder, wohnt in Korntal bei Stuttgart und ist von dort aus als Life-Coach im Spitzensport, Personalentwickler und Coach in der Wirtschaft tätig. Der studierte Betriebswirt (Schwerpunkt Sportmanagement), Theologe und ausgebildete Coach setzte sein selbst entwickeltes Konzept zunächst ab dem Jahr 2014 unter Jörg Schmadtke beim 1. FC Köln um und war damit der erste angestellte Life-Coach in einem deutschen Profifußballverein, ehe er sich später als Life-Coach im Spitzensport selbstständig machte.

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