Exklusive Umfrage: Verzicht, Verlust, Verderben durch Geisterspiele

Fußball ist mehr als ein Spiel. Wer im glamourösen Geschäft mit dem Ball sein Geld verdient, hat dieses ungeschriebene Gesetz verinnerlicht. Aber leistet der Fußball wirklich einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft? Hat er eine verbindende Kraft? Oder geht es dem Fußball nur um das liebe Geld? Hier gehen die Meinungen weit auseinander.

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Die Debatten in den letzten Wochen über eine Saison-Fortsetzung ohne Fans spaltet die Fußballwelt. Die deutsche Fußball-Bundesliga setzt ihre Saison am kommenden Wochenende mit Geisterspielen fort, Südkorea startete am Freitag, in Dänemark, Norwegen, Bulgarien, Serbien, der Türkei und einigen anderen Ländern gibt es konkrete Pläne. Die Top-Ligen Italien, Spanien oder England hoffen auf eine Fortsetzung, während die Saison in Frankreich oder den Niederlanden abgebrochen wurde. In Österreich ist ein Restart Anfang Juni geplant.


Der Profifußball in Deutschland ist ein riesiger Wirtschaftsbetrieb, in dem Milliarden umgesetzt werden. DFL-Geschäftsführer Christian Seifert erinnert in diesem Zusammenhang gern an die 56.000 von der Bundesliga abhängigen Arbeitsplätze. Obwohl der Fußball aus der Politik für das ausgeklügelte Gesundheitskonzept bisher viel Lob und positive Signale erhalten hat und die Rückkehr der Bundesliga ein Stück Normalität für Millionen Fans sei, werden Stimmen laut, dass es vor allem ums Geld und nicht um den gesellschaftlichen Beitrag ginge. Ist das Argument, wonach ein Wochenende mit Fußball deutlich erträglicher sei als ein Wochenende ohne Fußball, nicht nur scheinheilig? Denn viele Menschen haben gerade andere Probleme als die Wochenendgestaltung.


Genau bei diesen Menschen kommen Aussagen, wie des Vorstandschefs von RB Leipzig, Oliver Mintzlaff, nicht sehr gut an:

»Es wäre schön, wenn wir den Fans durch den Fußball wieder ein Stück Lebensfreude geben könnten.«

Oliver Mintzlaff: »Es wäre schön, wenn wir den Fans durch den Fußball wieder ein Stück Lebensfreude geben könnten« | © GEPA pictures

Gibt der Fußball Lebensfreude zurück oder sind es knallharte wirtschaftliche Interessen, die die Bundesliga-Vertreter antreiben, den Betrieb am Laufen zu halten. Denn nur wenn weiter gespielt wird, fließt auch weiter das Geld von den Fernsehsendern. Die jahrelange Praxis, bisweilen Geld auszugeben, das erst noch erwartet wird, hat Teile der Branche an den Rand des Ruins geführt.


Offenbar kann nur die ausstehende vierte Marge der Fernsehgelder in Höhe von rund 380 Millionen Euro den finanziellen Knock-out einiger Bundesligisten verhindern. Ohne die Zahlung droht nach „kicker“-Informationen 13 Vereinen, darunter vier Erstligisten, die Insolvenz - spätestens im Juni. Auch wenn die Zahlung der letzten TV-Rate notwendig ist und die Vereine retten, verlieren die 36 Vereine der deutschen Bundesliga und 2. Bundesliga durch die Geisterspiele laut eines „Kicker“-Berichts mehr als 91 Millionen Euro. Für die Bundesligisten ergibt sich ein Verlust von 69,661 Millionen Euro, für die Klubs der 2. Liga rund 22 Millionen Euro, wie eine Berechnung des Fachmagazins auf Grundlage der Ticket-Einnahmen aus der vergangenen Saison ergab.


»Es muss andere Wege der Politik geben, um Klubs und deren Angestellte zu retten, als einer Branche, in der einige überaus schlecht wirtschaften, nun eine Sonderrolle einzuräumen. Derzeit steht einfach viel mehr auf dem Spiel als der Fußball.«

Keine Sonderrolle: »Es muss andere Wege der Politik geben, um Klubs und deren Angestellte zu retten« | © pixabay

Streit um Testkapazität


Dennoch geben Kritiker zu, dass der Fußball einen besonderen Stellenwert für viele Deutsche besitzt. Dass die Funktionäre alles für eine Saisonfortsetzung getan haben, ist nicht zu verurteilen. Die ausgearbeiteten Pläne für einen Neustart gehören zu ihren Aufgaben. Dazu gehören auch Covid-19-Tests. Doch ob es für Altenpfleger, Lehrer und Supermarktangestellte vermittelbar ist, Zehntausende Tests – von dieser Größenordnung gehen Experten aus – für Fußballspieler zu nutzen, ist zweifelhaft. Nach der Veröffentlichung des Wiederbeginns der Bundesliga heben die Fußball-Macher des deutschen Fußballs umso mehr ihre gesellschaftliche Verantwortung hervor.


Wir garantieren, dass die Wiederaufnahme des Spielbetriebs, zunächst noch ohne Fans in den Stadien, nicht zulasten des Gesundheitssystems gehen wird, so DFB-Präsident Fritz Keller. „Es werden keine Testkapazitäten für Sportlerinnen und Sportler beansprucht, die an anderer Stelle fehlen würden.“


»Der Profifußball ist ein wichtiger Wirtschaftszweig, der nicht bessergestellt sein darf als andere, aber auch nicht schlechter.«

Fritz Keller, DFB-Präsident


Fritz Keller: »Wir garantieren, dass die Wiederaufnahme des Spielbetriebs, zunächst noch ohne Fans in den Stadien, nicht zulasten des Gesundheitssystems gehen wird« | © pixabay

Nach den Vorstellungen der DFL werden bei Geisterspielen rund 250 Personen im Stadion sein. Dieses Vorhaben würde viele Tests verbrauchen, die dringend medizinisch benötigt werden und daher seien Geisterspiele keine gute Idee. Rüdiger Fritsch, Präsident von Darmstadt 98 und Mitglied im DFL-Präsidium, hält dagegen: „Wenn wir von 40 bis 50 Personen ausgehen, die man alle paar Tage untersuchen müsste, ist das - glaube ich - nicht einmal 0,5 Prozent der Testkapazitäten, die zur Verfügung stehen.“


Exklusiv: Das Sport Business Magazin hat sich in den Ligen in Österreich und Deutschland über Meinungen zu Geisterspielen umgehört. An den verschiedenen Aussagen sieht man, dass das Thema, auch aufgrund der unterschiedlichen Voraussetzungen in den Ligen, viel zu komplex ist, um die Sinnhaftigkeit von Geisterspielen pauschal beantworten zu können. Selbst die Meinungen innerhalb einer Liga gehen weit auseinander. Aber eines ist allen klar, dass der Fußball ohne Fans auf Dauer nicht überleben wird.

© SK Rapid

Christoph Peschek

Geschäftsführer Wirtschaft SK Rapid Wien


Wie stehen Sie zu Geisterspielen?

»Unter normalen Umständen sind wir strikte Gegner von Spielen ohne Fans, denn wir spielen ja Fußball für unsere Anhänger! Im speziellen Fall müssen wir aber in den sauren Apfel beißen, denn der wirtschaftliche Schaden wäre ohne Geisterspiele noch höher als er ohnehin schon ist!«

Wie hoch wären die Kosten für ein Geisterspiel?

»Bevor die genauen Rahmenbedingungen nicht feststehen, ist eine seriöse Antwort nicht möglich.«

© FUSSBALL KONGRESS

Christoph Längle

Geschäftsführer SCR Altach


Wie stehen Sie zu Geisterspielen?

»Es ist klar, dass alle Vereine am liebsten Spiele mit Zuschauern austragen würden. Da die Alternativen Geisterspiele oder Saisonabbruch sind, sehe ich Geisterspiele als die bessere der beiden möglichen Lösungen.«

Wie hoch wären die Kosten für ein Geisterspiel?

»Unsere Berechnungen haben ergeben, dass wir im Zuge eines Geisterspiels etwa 80.000 Euro verlieren würden. Dazu kommen die Kosten für die Testungen.«

Wie hoch sind die Kosten für ein normales Heimspiel mit einem Zuschauerschnitt von 4.000 Zusehern? Und wie stellen sich die Kosten zusammen?

»Unsere Kosten für ein normales Heimspiel mit Zuschauern liegen bei etwa 25.000 Euro. Darin enthalten sind Polizei-, Erste Hilfe- und Ordnerkosten. Zusätzlich die Kosten für das Catering und sonstige Abgaben.«

© FUSSBALL KONGRESS

Andreas Blumauer

Geschäftsführer SKN St. Pölten


Wie stehen Sie zu Geisterspielen?

»Der Fußball lebt von Emotionen, von der Begeisterung, von der Stimmung im Stadion. Wir konnten am internationalen Auftritt des LASK erleben, wie schrecklich so ein Spiel ohne Fans und Anfeuerung abläuft. Wenn dies die einzige Möglichkeit ist, aufgrund COVID-19 Spiele zu absolvieren, so werden wir dies akzeptieren müssen. Fakt ist, dass dies aber auf Dauer nicht funktionieren kann und dies nur eine temporäre Notlösung sein kann.«

Wie hoch wären die Kosten für ein Geisterspiel?

»Das ist nicht so einfach zu beziffern, weil es exakte Parameter einer Berechnung benötigt, um hier eine qualifizierte Zahl zu nennen. Zu berücksichtigen sind alle Einnahmen wie TV-Gelder und Sponsoring-Einnahmen abzüglich aller Ausgaben wie anteilige Personal-, Ordnerkosten, Stadionmieten, Testungen, usw. Das ist ein komplexes Zahlenkonstrukt. Fakt ist, dass Geisterspiele einiges an Geld kosten.«

© SV Jahn Regensburg

Christian Keller

Geschäftsführer Jahn Regensburg


Wie stehen Sie zu Geisterspielen?

»Spiele ohne Zuschauer stellen aktuell die einzige Alternative dar, um den Klubs und damit auch dem Jahn, eine Perspektive zu bieten. Wirklich niemand, der den Fußball im Herzen trägt, wünscht sich solche Spiele. In der jetzigen Situation ist es aber unausweichlich diese durchzuführen. Nur so können wir in der Phase nach der Pandemie wieder Spiele im Stadion erleben, wie wir sie kennen.«

Wie hoch wären die Kosten für ein Geisterspiel?

»Viel relevanter als die Organisationskosten sind ja die ausfallenden Erlöse aus dem Public- und Hospitality-Ticketing. Diese Erlöse liegen je nach Spiel und Attraktivität des Gegners in unserem Fall im unteren bis mittleren sechsstelligen Bereich. Andererseits geben Spiele ohne Zuschauer aber immerhin die Gelegenheit das TV-Produkt und damit einhergehend auch weite Teile des Sponsoring-Produkts anzubieten, sodass zumindest diese Erlösströme fließen und eine Existenzgrundlage bieten können. Andernfalls wären die Klubs weiterhin Unternehmen und Arbeitgeber ohne nennenswerte Einnahmen. Eine Unternehmensfortführung wäre damit auf Dauer unmöglich.«

© SpVgg Unterhaching

Manfred Schwabl

Präsident SpVgg Unterhaching


Wie stehen Sie zu Geisterspielen?

»Wäre das kleinere Übel, aber sicher komplett ungewohnt.«

Wie hoch wären die Kosten für ein Geisterspiel?

»Kann ich im Moment nicht abschätzen…«

© Blau Weiß Linz

Stefan Reiter

Geschäftsführer Blau Weiß Linz


Wie stehen Sie zu Geisterspielen?

»Geht gar nicht! Sie haben die Kosten für ein Geisterspiel mit 16.000 Euro berechnet. Wie stellen sich diese Kosten zusammen? Stadionmiete, trotzdem Kosten für Personal und Sicherheit, usw.«

Glauben Sie noch immer, dass es bei Durchführung von Geisterspielen wirklich 80 Prozent aller Vereine nächste Saison nicht mehr geben wird?

»Bei gleichbleibenden Kosten ja, natürlich kann man seine Kosten reduzieren (Personal) dann kann man es schaffen – geht aber in Richtung Amateurbetrieb (2.Liga).«

© FC Wacker Innbruck

Alfred Hörtnagl

Sportchef FC Wacker Innsbruck


Wie stehen Sie zu Geisterspielen?

»Ich bin der Meinung Zuschauer und Fans gehören zum Fußball dazu. Der Sport lebt von Emotion und Leidenschaft und das geht durch die Geisterspiele natürlich verloren. Auf der anderen Seite gilt es sich damit zu arrangieren, wenn es keine anderen Optionen gibt.«

Wie hoch wären die Kosten für ein Geisterspiel und wie würden sich diese Kosten zusammenstellen?

»Das ist extrem schwer zu sagen. Gewisse Faktoren wie Trainings (Anm. Trainingslager vor dem Spiel wie etwa in Deutschland praktiziert wird), Hygienemaßnahmen, Testungen, Mietkosten und Sicherheitspersonal sind zum jetzigen Zeitpunkt nur schwer abzuschätzen.«

Stehen Sie auch hinter der Meinung von Stefan Reiter (BW Linz), dass es bei Durchführung von Geisterspielen 80 Prozent aller Vereine nächste Saison nicht mehr geben wird?

»Das Ziel aller Vereine ist es stabil zu bleiben. Geisterspiele in der 2. Liga sind für die meisten Klubs über einen längeren Zeitraum nicht finanzierbar.«

© FUSSBALL KONGRESS

Gernot Zirngast

Vorsitzender Vereinigung der Fußballer (VdF)


Wie stehen Sie zu Geisterspielen?

»Sportlich ein Graus – wirtschaftlich eine Notwendigkeit!«

Wie sehen Sie die Aussagen von Stefan Reiter (BW Linz), dass bei Durchführung von Geisterspielen 80 Prozent aller Vereine die nächste Saison nicht erleben?

»Egoistisch und populistisch! Wenn ich mögliche Faktoren zur Finanzierung nicht in Betracht ziehe und mich rein nach den Ausgaben orientiere, mag er Recht haben. Aber ich sehe diese Aussagen als „alles Schlechtmachen wollen. Und gerade bei BW Linz muss man berücksichtigen, dass sie in der Winterpause einen Rückzug überlegt haben und die Lizenz fürs neue Spieljahr in Frage stand. Daher wundert mich diese Aussage nicht wirklich.«

108 Seiten hochinformative und lesenswerte Lektüre

Das Imperium von Dietrich Mateschitz: Wie sich Red Bull über 30 Jahre mit aggressiver (Sport-)Kommunikation zur Weltmarke und zum Milliardenunternehmen entwickelt hat und viele weitere spannende Themen!

Von Dominique Taboga

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