Okay, dann gucken wir halt FIFA

Coronakrise: Der klassische Sport geht online


Der klassische Sport ruht aufgrund der weltweiten Covid-19-Pandemie. Und das seit Wochen. Digital läuft der Sport aber weiter, wie zahlreiche Beispiele im Fußball, Motorsport oder Radsport eindrucksvoll zeigen. Schlägt jetzt die Stunde des eSports? Wir haben uns mit dem Thema intensiv auseinandergesetzt und mit Experten der Branche gesprochen. Wir zeigen „Best Practice Beispiele“ und analysieren ob eSports bereits jetzt als echte Alternative zum klassischen Sport taugt.

© Armon Ruetz/Red Bull Content Pool

eSports als heimlicher Gewinner der Coronakrise?


Wir haben mit einem Experten, der sich tagtäglich mit dem virtuellen Sport auseinandersetzt, über diese Frage gesprochen. Tobias Benz ist Direktor des Instituts für eSports und Leiter von Europas ersten eSports Management-Studiengangs und hat dazu eine klare Meinung:

„eSports ist während der Covid-19-Pandemie eindeutig mehr in den Mittelpunkt der Gesellschaft gerückt.“

Besonders medientaugliche Bewerbe profitieren von der aktuellen Situation. „Vor Allem die Disziplinen der Sportsimulationen greifen Medien und Plattformen des klassischen Sports auf“, so Benz. Auch Mario Viska, seinesgleichen professioneller eSportler und Trainer, stimmt dem zu: „Primär im Fußballgeschäft merkt man, dass viele Profis plötzlich an der Konsole spielen oder gar bei einem Turnier teilnehmen.


»Eine echte Alternative für jeden Sportbegeisterten« | © Long Nguyen/Red Bull Content Pool

„Der digitale Sport ist gekommen, um zu bleiben“


Als Ersatzprogramm für den klassischen Sport kann der eSports laut Tobias Benz nicht gesehen werden: „Der analoge sowie der digitale Sport sind keinesfalls als Substitute anzusehen. Gerade für traditionelle Sportfans ist eSports in seiner Komplexität noch etwas fremd.“


Allerdings hebt der Experte hervor, dass durch die aktuell erhöhte Aufmerksamkeit, Vorurteile abgebaut und emotionale Grenzen verwässert werden. „Der digitale Sport ist gekommen um zu bleiben und wird sich in Zukunft weiter als eine echte Alternative für jeden Sportbegeisterten präsentieren“, so Benz weiter. Auch Viska sieht es ähnlich: „eSports wird den klassischen Sport nicht ersetzen. Vielmehr können beide voneinander profitieren.“



Kann eSports durch die Coronakrise auch langfristig profitieren?


„Unter den uns allen bekannten Umständen der Coronakrise rückt vor Allem die Entwicklung der Digitalisierung in den Fokus. Unabhängig vom Sport Business sehe ich digitale Innovationen langfristig und nachhaltig in einer relevanten Rolle“, meint Tobias Benz und fügt an: „Ich bin sehr zuversichtlich, dass eSports im Rahmen von Gaming, Sport und Entertainment in genau dieser auch zeitnah aufgehen wird.“


Der professionelle eSportler Mario Viska ist sich sicher, dass der virtuelle Sport auch langfristig profitieren wird, da „die Unternehmen jetzt merken, welche vielfältigen Möglichkeiten eSports bietet, um Umsätze zu generieren.“


Aber nun zu den „Best Practice Beispielen“ aus dem Fußball, Motorsport und Radsport.


LaLiga als Vorreiter: 20 LaLiga-Klubs mit FIFA-Turnier


Als einer der ersten Ligen im Fußball hat die spanische LaLiga auf die Coronapause der Erstligisten reagiert. So veranstaltete der spanische eSportler und Internet-Star Ibai Llanos bereits Ende März 2020 ein FIFA-Turnier mit Beteiligung aller 20 LaLiga-Klubs.


Die Idee dahinter: Jeder Verein stellt einen Spieler ihres Profikaders und diese spielen dann in eigener Turnierform gegeneinander bis es einen Sieger gibt. Teilweise signalisierten sogar mindestens zwei Profis aus derselben Mannschaft Interesse an einer Teilnahme – unter anderem aus dem Lager von Real Madrid. Sowohl Torwart Thibaut Courtois als auch Flügelspieler Marco Asensio wollen für die Königlichen ins Rennen gehen. „Wir spielen ein Spiel. Wer gewinnt, nimmt am Turnier teil“, bot Courtois auf Twitter an. Asensio stimmte zu.


Andere prominente Teilnehmer waren Adnan Januzaj von Real Sociedad, Sergio Reguilón vom FC Sevilla und Marcos Llorente von Atlético Madrid, der nur wenige Wochen zuvor mit seinen zwei Toren Liverpool aus der Champions League kickte.


Prominente Teilnehmer wie Marcos Llorente von Atlético Madrid, der nur wenige Wochen zuvor mit seinen zwei Toren Liverpool aus der Champions League kickte. | © instagram.com/laliga


Konami-Deal zwingt Barcelona zur Absage


Auch der FC Barcelona sollte in Person von Sergi Roberto bei dem Turnier mitmachen, sagte die Teilnahme aber kurzfristig ab. Was steckte dahinter?


Barça hat mit Spielehersteller Konami, der mit „Pro Evolution Soccer“ das Konkurrenz-Produkt zu FIFA herstellt, einen langfristigen Sponsorenvertrag. Neben dem FC Barcelona hat sich auch RCD Mallorca trotz anfänglicher Zusage noch zurückgezogen. Der Verein von den Balearen kooperiert ebenfalls mit Konami.


FIFA-Champion: Marco Asensio setzte sich im Finale vor über 150.000 Zuschauern im Twitch-Stream gegen Aitor Ruibal von CD Leganes durch. | © instagram.com/marcoasensio10


Über 150.000 Zuschauer pro Spiel und 141.000 Euro Spenden


Trotz dieser Absagen war das Turnier, das über drei Tage auf Ibai Llanos Twitch-Kanal übertragen wurde, ein voller Erfolg. Sogar professionelle spanische Kommentatoren begleiteten das Charityturnier.


Sportlich gesehen darf sich Real Madrid als erster offizieller FIFA-Champion in LaLiga bezeichnen. Marco Asensio setzte sich im Finale vor über 150.000 Zuschauern im Twitch-Stream gegen Aitor Ruibal von CD Leganes durch.


Generell können sich die Einschaltquoten sehen lassen. Über zwölf Millionen Menschen haben das Turnier über Twitch verfolgt. Zu Spitzenzeiten hatten vereinzelte Spiele über 170.000 Zuschauer. Einer der Gründe für diese enorme Reichweite war die gute Social Media Arbeit der teilnehmenden Vereine, die das Turnier digital begleiteten und dementsprechend für weltweite Interaktionen sorgten.


Darüber hinaus konnten 141.000 Euro an Spenden gesammelt werden. In Zusammenarbeit mit der UNICEF möchte der Veranstalter mit den Geldern den Kampf gegen das in Europa und der restlichen Welt grassierende Coronavirus finanziell unterstützen. Ein „Best Practice Beispiel“ das zeigt, wie eSports und der klassische Sport voneinander profitieren können.


eBundesliga: »Großes Interesse im linearen TV und auch digital« | © Sky

Österreich: Bundesliga-Saison wird virtuell fortgesetzt


Auch die Österreichische Fußball-Bundesliga hat auf die Coronapause reagiert. Seit Mitte April 2020 gibt es die eBundesliga play@home Meisterschaft, die nahtlos an die aktuelle Bundesliga-Saison anschließt und diese virtuell fortsetzt.


Dabei stellt jedes Bundesliga-Team bis zu zwei Spieler. Somit zocken entweder österreichische eSports-Größen, Fußballprofis oder ein Mix aus beidem für ihren Verein. Die von den Bundesliga-Klubs ausgewählten Repräsentanten simulieren auf der PlayStation via FIFA 20 den Finaldurchgang der Bundesliga und nehmen die Geschicke ihres Teams in die Hand.


Bundesliga-Vorstand Christian Ebenbauer hat im Gespräch mit uns verraten, dass das neue Format bereits jetzt erfolgreich ist und bei der Zielgruppe gut ankommt: „Die Übertragungen stoßen sowohl im linearen TV, als auch digital auf großes Interesse.Das ausführliche Interview mit Christian Ebenbauer und Maximilian Heske über die eBundesliga gibts hier zum Nachlesen!


Über 200.000 Zuschauer verfolgen die virtuellen Rennen der Formel 1 auf YouTube. | © eF1 Championship

Virtueller Motorsport: Eine Million Zuschauer und jede Menge Stars


Auch der Motorsport denkt um und weicht während der Coronakrise auf die virtuelle Rennstrecke aus. So auch die Formel 1: Die digitalen Rennen gibt es zwar schon seit 2017, sind aber erst durch den Ausfall der klassischen Rennserie in den Vordergrund gerückt.


So überträgt in Österreich neben ORF Sport + auch Sky die F1-Esports-Virtual-Grand-Prix-Serie. Und das mit Erfolg, wenn man den Worten von Maximilian Heseke, Head of Digital Sports bei Sky Österreich, Glauben schenken darf. „Bei den Fans kommt der Wettbewerb sehr gut an und es hilft, trotz der aktuellen Pause der Formel 1, das Feuer bei vielen Fans hoch zu halten“, so Heske im Gespräch mit dem Sport Business Magazin.


Die prominenten Teilnehmer seien ein weiterer Grund für den Erfolg. „Die virtuelle Rennserie der Formel 1 ist sehr hochwertig produziert und lockt vor allem mit großen Namen. Im Promi-Bewerb fahren regelmäßig gestandene F1-Fahrer mit. Ferrari-Pilot Charles Leclerc gewann erst kürzlich zwei Rennen in Folge“, so Maximilian Heske weiter. Mit dabei sind auch Namen wie Nico Hülkenberg, Guanyu Zhou und Nicholas Latifi. Neben den Formel-1-Stars fuhren auch schon der ehemalige BVB-Profi Ciro Immobile und Real Madrids Torwart Thibaut Courtois an der Konsole mit.

Parallel zu den TV-Übertragungen erreichten die digitalen Grands Prix im Durchschnitt über 200.000 Zuschauer auf YouTube.



„Sorry an alle, die darauf stehen, aber ich tu das nicht“


Aber nicht jeder kann sich mit der digitalen Form des Sports anfreunden. So äußerte sich der bekannte ORF-Formel-1-Kommentator, Ernst Hausleitner, der nun die Rennen live auf ORF Sport + begleitet, unmittelbar nach einem virtuellen Grand Prix äußerst kritisch:

„Hallo ihr da draußen, vielleicht merkt ihr, wie schwer ich mir tue, ein #f1 esport Rennen zu kommentieren, sorry an alle, die darauf stehen, aber ich tu das nicht. Ich wollte immer authentisch sein, und daran möchte ich festhalten. Für mich reicht das nicht. Sorry!“

eSports ist nicht für jeden, muss er aber auch nicht sein.


Nicht jeder kann sich mit der digitalen Form des Sports anfreunden. | © twitter.com


Nascar im US-amerikanischen Fernsehen und eine Million sehen zu


In den USA lief die Autorennserie Nascar das erste Mal Mitte März 2020 als reines eSports-Event auf dem Fernsehsender Fox Sports. Den Triumph des dreimaligen Daytona-Champions Denny Hamlin sahen fast eine Million Zuschauer – genau 903.000. Fox Sports entschied sich daraufhin, ab sofort auch den restlichen Saisonverlauf der digitalen Rennserie auszustrahlen.


Auch MotoGP, IndyCar, Formel E, DTM und IMSA haben bereits virtuelle Saisonen gestartet oder starten in den kommenden Wochen. An eSports führt aktuell kein Weg vorbei. Auch im Motosport nicht.


eCycling league Austria: Fünf virtuelle Rennen je 60 Kilometer in eineinhalb Stunden. | © eCycling league Austria

Auch der Radsport wird virtuell


Die Coronavirus-Pandemie hat auch den internationalen Radsport gestoppt. Die Räder stehen still. Die meisten Wettkämpfe sind abgesagt oder verschoben, die Profis im „Homeoffice“. Um das Training zu Hause sprichwörtlich mit dem Nützlichen und also Wettkämpfen zu verbinden, wurde nun die eLiga vom Österreichischen Radsportverband (ÖRV) gegründet.


Für Sponsoren bringt die eLiga weniger, dafür profitieren die Sportler: Motivation beim Training und die Möglichkeit, sich virtuell mit anderen Radfahrern zu messen. Die „eCycling league Austria“, wie die Rennserie genannt wird, dient als Ersatz für die Straßen-Bundesliga. Die virtuellen Rennen mit Smart-Rollentrainern werden auf der Onlineplattform Zwift ausgetragen.


Wöchentlich finden insgesamt fünf virtuelle Rennen statt. Für 40 und 60 Kilometer ist eine Dauer von bis zu eineinhalb Stunden vorgesehen. Die Bewerbe sind offen für alle Radsportbegeisterte, die sich nun direkt mit den Profis messen können. In die Ligaranglisten der diversen Kategorien kommen dagegen nur Sportler mit einer gültigen ÖRV-Lizenz.


Von Alexander Friedl

© 2020 by Sport Business Magazin | 537354

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