Football Leaks: Whistleblower Pinto aus U-Haft entlassen

Der portugiesische Fußball-Whistleblower Rui Pinto ist aus dem Gefängnis entlassen worden und wartet nun im Hausarrest auf seinen Prozess. Unser großes Football Leaks Interview über sieben Seiten – online und in voller Länge.

Rui Pinto: Der ominöse Whistleblower hinter den Football Leaks. | © twitter.com/RuiPinto_FL

Pinto, der Mann hinter der Enthüllungs-Plattform Football Leaks, wurde am Mittwoch, den 8. April 2020 aus der Untersuchungshaft entlassen und verbrachte die Nacht auf Donnerstag zunächst in einer von der Polizei in Lissabon zur Verfügung gestellten Wohnung, wie Medien unter Berufung auf die Justiz und Anwälte berichteten.


Der 31-Jährige habe sich bereit erklärt, mit der Justiz zusammenzuarbeiten. Pinto wolle unter anderem die Passwörter für Festplatten preisgeben. Er solle 24 Stunden unter Polizeibewachung bleiben, hieß es. Pinto wurde im Jänner 2019 in Budapest verhaftet und zwei Monate später an Portugal ausgeliefert. Ermittlungsrichterin Claudia Pina wirft ihm rund 90 Straftaten vor, darunter versuchte Erpressung und illegaler Zugang zu vertraulichen Daten.


Pinto könne nicht als echter Whistleblower gelten, weil er nicht in gutem Glauben gehandelt habe, so die Richterin. Der Angeklagte soll etwa versucht haben, die Agentur Doyen Sports zu erpressen. Einen Termin für den Beginn des Verfahrens gibt es noch nicht. Pinto wies bisher alle Vorwürfe zurück. Er sei kein Hacker, beteuerte er.


Die Enthüllungen von Football Leaks sorgten im internationalen Fußball Business für großes Aufsehen. Die Veröffentlichungen von Vertragsdetails zeigen nicht nur eindrücklich, mit welchen gigantischen Summen mittlerweile im Fußball gearbeitet wird, sondern enthüllen auch zahlreiche illegale Tricks, die Spieler, Berater und Funktionäre anwenden, um sich weiter zu bereichern. Viele der veröffentlichten Informationen zogen juristische Konsequenzen nach sich.


Football Leaks: Einblick hinter die schmutzige Fassade des Spitzenfußballs. | © kritchanut

Das große Football Leaks Interview über sieben Seiten


Bereits in der Herbstausgabe 03-2018 berichteten wir über die Football Leaks und haben das Projekt seitdem redaktionell immer wieder beleuchtet. Unser Redakteur Alexander Friedl führte damals ein ausführliches Gespräch mit Rafael Buschmann. Er war der erste Journalist, der mit Football Leaks in Kontakt getreten ist und bis heute darüber schreibt. Jetzt haben wir das große Football Leaks Interview für euch online in voller Länge.


Rafael Buschmann ist Spiegel-Reporter und spricht im Interview mit uns über dubiose Transfers wie der des Österreichers Kevin Friesenbichler, den ominösen Whistleblower „John“ (sein richtiger Name Rui Pinto war zum damaligen Zeitpunkt in der Öffentlichkeit noch nicht bekannt; Anm. d. Red.) und die vielen schmutzige Seiten des Fußball Business.


Spiegel-Journalist Rafael Buschmann berichtete als erster über die Football Leaks. | © Jeannette Corbeau

Was sind die Football Leaks?


Grundsätzlich muss man zwischen der Gruppe „Football Leaks“, die als Aktivisten im Herbst 2015 eine Homepage gestartet haben und uns, den Journalisten, denen die Gruppe ihre Dokumente überliefert hat, unterscheiden.


Wir als SPIEGEL stehen seit Februar 2016 mit einer Person aus der Football- Leaks-Gruppe, die sich John nennt, im Austausch. John ist derjenige, der uns einen Datenschatz von über 20 Millionen Dokumenten (1,9 Terrabyte) überlassen hat. Seitdem ist er unsere Quelle und auf Grundlage seiner Dokumente haben wir in den vergangenen Jahren für große Enthüllungen gesorgt. Unter anderem die Steuerbetrügereien zahlreicher Spieler, die vom Agenten Jorge Mendes betreut werden, aufgedeckt. Darunter waren auch weltberühmte Spieler wie Cristiano Ronaldo, James Rodríguez oder Ángel Di María.


Die Football Leaks sind der größte Einblick hinter die Fassade des Spitzenfußballs, den es je gegeben hat.

Wie kann man sich eine Datenmenge von 1,9 Terrabyte am besten vorstellen?


Es gibt diesen Pi-mal-Daumen-Satz: Ein Terrabyte sind ungefähr 250.000 ausgedruckte Bibeln. Wenn man in diesem Bild bleiben möchte, haben wir rund eine halbe Million ausgedruckter Bibeln bekommen.


Rund um den Spielerberater Jorge Mendes (r.) konnten zahlreiche Steuerbetrügereien, wie die von Cristiano Ronaldo (l.) aufgedeckt werden. | © Globe Soccer Awards

Wie kann man so eine riesige Datenmenge bewältigen?


Wir haben eine spezielle Software, die auch Forensiker oder Steuerfahnder benutzen. Diese Software ermöglicht es uns, in den Daten zu suchen, ohne sie ausdrucken zu müssen. Diese Daten sind wild gemischt, sehr kompliziert und komplex aufgearbeitet.


Ein Beispiel: Es kann sein, dass sich in einem Datensegment eine für mich interessante Firma befindet, ich die Firmenstruktur aber nicht verstehe, weil dort lediglich mit Strohmännern agiert wird. Um den wirtschaftlich Berechtigten der Firma herauszufinden, muss ich die Daten beispielsweise nach weiteren Emails, Gründungsurkunden, Handlungsbevollmächtigten etc. durchsuchen. Unsere Software versucht auf diese Weise Überschneidungen herauszufinden. So sind wir beispielsweise auch auf die Steuerbetrügereien von Cristiano Ronaldo gekommen.



Um welche Daten handelt es sich hier konkret: Word-Dateien, Excel-Listen, Sprachaufnahmen?


Ich habe letztens die Frage gestellt, ob irgendein Dateiformat nicht in den Dokumenten auftaucht. Darauf sagte unser IT-Chef, dass er durch die Football Leaks neue Dateiformate kennenlernen würde. Es ist tatsächlich so, dass wir alle Dateiformate haben, von langen PDFs, zu Word-Dateien, immens viele E-Mails, Kontoauszüge und so weiter.


Wir haben nicht nur fertige Verträge, sondern auch Drafts. Also Verträge, die gerade erst in der Entstehung sind. An diesen Drafts kann man erkennen, wo die Betrügereien innerhalb eines Vertrages stattfinden.



Wie kam der Whistleblower „John“ zu diesen Daten?


Das ist eines der größten Geheimnisse von John. Er spricht darüber nicht und sagt lediglich, er sei kein Hacker. Er habe selbst sehr gute Quellen, die ihm diese Daten zur Verfügung stellen. Das ist seine Standardantwort und zwar egal, in welcher körperlichen Verfassung er sich befindet. Selbst wenn er stark betrunken war, bekam ich nur diese Antwort.


Er vergleicht die Football Leaks mit den WikiLeaks, bei denen bis heute auch nicht klar ist, woher viele der Dokumente kommen.


Pikante Auszüge aus Cristiano Ronaldos Vertrag mit seiner Briefkastenfirma auf den British Virgin Islands.

Was war das Motiv von „John“, die Verträge über Transfers, Transferbeteiligungen und Steuervermeidungen zu veröffentlichen?


John und seine Mitstreiter sehen sich als „Hardcore-Fußballfans“, die für einen sauberen Sport kämpfen und versuchen, ihn wieder in die richtige Bahn zu lenken. Die Football Leaks sollen zu mehr Transparenz für den Fan im Fußball Business führen.


Für ihn und seine Mitstreiter sei im Sommer 2015 das Fass übergelaufen. Sie hätten in der portugiesischen Liga an zig Punkten festgestellt, dass es zu Unregelmäßigkeiten und zu kriminellen Vorgängen bei Spielertransfers gekommen sei. Spielerberater sollen an Transfers übermäßig hoch verdient und Vereine sich Investoren komplett ausgeliefert haben.



Kann man davon ausgehen, dass die Daten zu 100 Prozent echt sind? Wie konnten Sie die Echtheit der Dokumente überprüfen?


Das war eine der größten Herausforderung für uns. Selbst wenn man über 20 Millionen Dokumente hat, reicht ein einziges gefälschtes Dokument aus, um die Glaubwürdigkeit des Projekts zu gefährden.


Nach wie vor haben wir bei jedem Dokument, das wir bekommen, die gleichen Abläufe. Wir versuchen nicht nur, die zeitlichen Stränge innerhalb des Dokumentes zu analysieren, sondern prüfen auch Firmen-, Handelsund Personenregister sowie die logische Abfolge von Firmengründungen. Am Ende dieses Ablaufs konfrontieren wir die Gegenseite mit diesen Vorwürfen und lassen sie zu Wort kommen. Das wurde bislang aber nie ernsthaft wahrgenommen.



Gab es deswegen bereits Vorwürfe vor Gericht?


Vor Gericht wurde uns noch nie ernsthaft vorgeworfen, dass wir etwas falsch berichtet hätten, einzig, dass Persönlichkeitsrechte verletzt wurden und das öffentliche Interesse nicht hoch genug sei, um Anwaltskommunikation offen zu legen. Das sind Sachverhalte, die am Ende die Gerichte entscheiden müssen.


Wir für uns glauben, dass alles, was wir bislang veröffentlicht haben, eine so hohe öffentliche Relevanz hat, dass diese Vorwürfe nachrangig sind. Der Fall Twente Enschede war hier für die Glaubwürdigkeit des Projekts sehr entscheidend. Bevor wir angefangen haben, über die Football Leaks zu schreiben, wurde der niederländische Verein Twente Enschede aufgrund veröffentlichter Dokumente der Football Leaks sanktioniert. Er stand kurz davor, in die zweite Liga zwangsabzusteigen. Vor Gericht wurden die Dokumente der Football Leaks als glaubwürdig und echt bewertet.


Über eine Briefkastenfirma in diesem Gebäude auf den British Virgin Islands hat Cristiano Ronaldo 74,8 Millionen Euro an Einnahmen über Jahre geparkt und erst 2014 in seiner Steuererklärung aufgeführt. | © Spiegel TV

Welche Fussballmärkte tauchen in den Dokumenten auf? Gibt es Vereine oder Spieler, die besonders oft betroffen sind?


Zu Beginn der Football Leaks hatten wir sehr viele Dokumente zu Real Madrid. Ich konnte mir nicht erklären, warum gerade Real Madrid und Jorge Mendes so stark im Vordergrund standen. Das führte bei uns auch intern zu Diskussionen.


Diese Zweifel sind uns aber schnell genommen worden. Im Zuge der Recherche haben wir sehr viel Material zu Barcelona, Bayern München, Juventus Turin, Manchester United und so weiter gefunden. Mittlerweile ist der gesamte europäische Spitzenfußball mit internen und vertraulichen Dokumenten in den Football Leaks vertreten.



Um welche Fälle geht es in den Football Leaks? Kann man die Daten in Kategorien einteilen?


Über eine echte Klassifizierung würden wir uns freuen, das würde unsere Arbeit erleichtern. Jeden Tag sitzen wir vor der Software und suchen nach der Nadel im Heuhaufen.



Gibt es auch Daten zu österreichischen Spielern, Managern oder Beratern?


Wir haben den Fall Kevin Friesenbichler, der damals von den Bayern Amateuren im Sommer 2014 nach Portugal zu Benfica Lissbaon transferiert wurde. In Lissabon wurde Friesenbichler für wenige Tage geparkt und noch während des Transferfensters weiter nach Polen zu Legia Danzig transferiert. Ein Verein, in dem Vertraute seiner Beraterfirma sitzen.


Rund um den Transfer von Bayern München zu Benfica Lissabon gab es eine horrende Beraterprovision von einer Million Euro netto für die Spieleragentur. Für einen Spieler aus der vierten Liga ein absurd hoher Betrag und höher als der normale Marktwert des Spielers. Zudem gewährte ihnen der portugiesische Spitzenklub die Hälfte jeder späteren Ablösesumme, die über die bereits gezahlte Million hinausgeht. Am Ende ist Friesenbichler in der österreichischen Liga bei Austria Wien als Leihspieler gelandet, wo er auch heute noch spielt.


Rund um den Transfer von Kevin Friesenbichler gab es eine horrende Beraterprovision von einer Million Euro. | © FK Austria Wien


»Der Fußball setzt das letzte Gut, das er noch hat, die Glaubwürdigkeit, aufs Spiel.«

Rafael Buschmann, SPIEGEL-Journalist



Tauchen dubiose österreichische Firmen oder Spielerberateragenturen in den Dokumenten auf?


Es gab den Fall Doyen Sports, eine der dunkelsten Marketing- und Investorenagenturen, die es im Fußball gibt oder gab. Diese Agentur hat ihre Provisionen über eine Briefkastenfirma namens Danubio in Österreich transferieren lassen. Danubio hat die Gelder aus ganz Europa verwaltet und dann weitergereicht.



Fokus Deutschland: Welche Fälle kamen dabei zum Vorschein?


Bei Mesut Özil haben wir festgestellt, dass er zwei Jahre lang seine Einkommenssteuererklärung nicht abgegeben hat. Dann kam es zu einer Millionennach- und strafzahlung vom spanischen Finanzamt. Das war einer der größten Steuerfälle eines deutschen Fußballers.


Ansonsten haben wir zur Deutschen Bundesliga sehr viele Beratergeschichten. Wir haben gezeigt, wie das deutsche Spielerberaterunternehmen von Roger Wittman arbeitet. Mit welchen Klauseln es versucht, die Vereine unter Druck zu setzen, um am Ende von den Spielertransfers maximal zu profitieren.



Welche deutschen Vereine kommen in den Dokumenten vor? Haben Sie ein paar Beispiele?


Wir haben sehr viel über den HSV und die Geschäfte von Dietmar Hopp. Er war in der Lage, über eine sehr intransparente Firma an großen Spielertransfers, wie beispielsweise dem von Roberto Firmino, mitzuverdienen.


Wir haben gezeigt, wie einfach Spielerberater Vereine mit Klauseln unter Druck setzen können, sogenannte „Daumenschrauben“. Bei Borussia Dortmund ganz konkret der Fall Henrich Mchitarjan. Wenn der Armenier im Sommer 2016 von Dortmund nicht weggewechselt wäre, hätte der Verein eine Millionensumme als Entschädigung an seinen Berater zahlen müssen. Mchitarjans Vertrag wäre mit Ende der Saison ausgelaufen, Dortmund hätte keine Ablöse bekommen und zusätzlich einen Millionenbetrag zahlen müssen. Deshalb ist er schlussendlich für 42 Millionen Euro zu Manchester United transferiert worden.


Der BVB sparte sich Millionen an Beraterhonorar durch den Transfer von Henrich Mchitarjan zu Manchester United. | © AP

Wie gross ist Ihr Team? Wie viele Personen arbeiten am Projekt Football Leaks?


Der journalistische Redaktionskern besteht aus acht Personen inklusive mir. Kurz vor Veröffentlichung der Football Leaks haben über 50 Leute vom SPIEGEL daran gearbeitet.



Wie sieht ein klassischer Arbeitsalltag von Ihnen aus?


Seit den Football Leaks ist für mich kein normaler Arbeitsalltag mehr möglich. Mein Tag richtet sich sehr stark nach den Dokumenten, die wir finden, und ob mich John sehen möchte beziehungsweise ob er neue Daten für mich hat. Meine Kollegen gehen morgens in den Datenraum, schalten den Computer ein und versuchen, die Dokumente zu ordnen sowie Organigramme zu erstellen, um Zusammenhänge zu erklären.



Wie ist der Kontakt zum Whistleblower „John“ zustande gekommen und wie bauten Sie Vertrauen auf?


Es begann alles relativ skurril. Den einzigen Anhaltspunkt, den wir damals von den Football Leaks hatten, war diese Homepage mit einer hinterlegten E-Mail Adresse. Ich habe ab Herbst 2015 begonnen, Mails an diese Adresse zu schicken, und versuchte zu erfragen, woher die Dokumente kommen.


Kurz vor Weihnachten 2015 habe ich dann eine letzte Mail mit allen kritischen Berichten, die ich jemals über Fußball veröffentlicht habe, geschickt, sozusagen als meine letzte „Patrone“. Daraufhin kam nur ein einziger Satz zurück: Was ist dein Problem mit Fußball? Beste Grüße FL.


Millionen-Strafzahlung: Mesut Özil hat zwei Jahre lang seine Einkommenssteuererklärung nicht abgegeben. | © adidas

Wie ging es weiter?


Daraufhin entstand ein wechselseitiger Austausch über diverse Themen des Fußball Business, bis wir schließlich einen Probedokumentensatz mit einigen Megabyte bekommen haben. In diesen Dokumenten ging es um Steuerhinterziehungen mehrerer Spielerberater und Klubs.


Wir haben die Geschichte aufgeschrieben und kurz danach meldete er sich noch einmal mit einer entscheidenden Nachricht. Er habe das Gefühl, dass das Projekt für ihn zu groß geworden sei und er wollte alles hinschmeißen. Zu diesem Zeitpunkt war ich gerade auf der Geburtstagsfeier meiner Schwiegermutter. Spät nachts bin ich aus dem Lokal raus und habe ihm zurückgeschrieben, dass wir uns jederzeit sehen können und ich gerne über seine Ängste und Sorgen reden würde.



Wie lautete die Antwort?


Zu meiner Überraschung willigte er ein. Er zeigte mir eine andere Plattform, über die wir verschlüsselt kommunizieren konnten und alle Details für die Begegnung klärten.


Am nächsten Tag kam es dann zum ersten Treffen, bei dem er mir die ersten 800 Megabyte überreichte. Ich habe ihm versprochen, dass ich niemanden sage, wo wir uns treffen, nur, dass es in Osteuropa ist. Denn die höchste Verpflichtung eines Journalisten ist es, seine Quelle, den Whistleblower, zu schützen.



Wie lief das Treffen ab?


Es war extrem „alkohollastig“. John hat mich damals exzessiv abgefüllt. Diese Muster folgten auch bei den nächsten Treffen. Ich habe das nie so wirklich verstanden und habe mich gefragt, warum er das macht. Kurz vor Ende des Projekts, hat er es dann aufgelöst. Ihm war wichtig zu erkennen, dass ich selbst im betrunkenen Zustand nichts ausplaudere, was ich hier mache oder mit wem ich unterwegs bin. Mittlerweile hat er ein gewisses Vertrauen zu mir aufgebaut.


Die letzte Mail fand Gehör: »Was ist dein Problem mit Fußball? Beste Grüße FL« | © SPIEGEL TV

Wie oft und an welchen Standorten haben Sie ihn bislang getroffen?


Da John alle zwei Tage aus Sicherheitsgründen seinen Aufenthaltsort wechselt, fast überall auf der Welt. Wie oft, kann ich nicht genau beziffern, aber bereits dutzende Male.



Welches Verhältnis pflegen Sie zu ihm? Was ist „John“ für ein Typ?


Ein dienstliches Verhältnis. Wir müssen als Journalisten komplett frei sein und eine gewisse Distanz zu unseren Quellen aufrechterhalten. Ich finde den Burschen sympathisch, also man kann sich mit ihm über die unterschiedlichsten Themenfelder austauschen. John ist ein sehr kluger Kopf, der fünf Sprachen spricht und beispielsweise auch Party machen kann.



Hat „John“ eine Familie?


Von seiner Familie habe ich noch nie jemanden getroffen, wir reden aber auch nur selten darüber. Ich weiß lediglich, dass er eine Freundin hat.


Beim Transfer von Paul Pogba (r.) verdiente Berater Mino Raiola (m.) rund 49 Millionen Euro. | © Instagram Screenshot

Wie organisieren Sie die Treffen mit ihm? Welche Sicherheitsvorkehrungen müssen Sie dabei treffen?


Zum einen kommunizieren wir komplett verschlüsselt und zum anderen treffe ich sehr viele Sicherheitsvorkehrungen vor meinen Reisen. Ich buche keine Direktflüge oder Hotels, versuche, keine Kreditkarten zu benutzen, verwende nicht mein persönliches Mobiltelefon und lege weite Strecken mit dem Auto zurück, um zu sehen, ob mir jemand folgt. Ich versuche Dinge, die eine Nachvollziehbarkeit meiner Reise ermöglichen, weitestgehend zu vermeiden.



Wurden Sie auch schon verfolgt?


Im vergangenen Jahr habe ich bei drei Recherchereisen eine Person gesehen, an drei unterschiedlichen Orten auf der Welt – in Hamburg, Berlin und Las Vegas. Immer wenn ich versucht habe, die Person anzusprechen, ist sie weggefahren oder weggegangen. Später haben wir in den Dokumenten der Football Leaks gesehen, dass es einen Sportvermarkter gibt, der ein hohes Interesse daran hat, den Whistleblower über mich zu finden.



Hat sich seit den Enthüllungen Ihre Sicht auf den Fussball verändert?


Ich liebe diesen Sport und spiele auch selber gerne mit meinen Freunden, aber mein Verhältnis zum Profisport hat sich sehr stark verändert. Je mehr ich hinter diese glänzende Fassade blicke, desto klarer wird mir, dass es in dem Sport nicht mehr so sehr auf die Leistung auf dem Platz ankommt, sondern dass die Geschäfte im Hintergrund das Wichtigste für viele Akteure geworden sind.


Spieler verdienen Multimillionen durch die Gelder der Fans und gehen dann mit diesem Geld offshore, um mehr Einnahmen zu generieren. Bei den meisten Transfers heutzutage verdienen nicht mehr nur die Vereine, sondern oftmals Personen aus der Schattenwelt, Investoren, Sponsoren oder Teilhaber eines Vereins. All das macht mir den Sport wahnsinnig madig. Ich frage mich, wo bleibt da noch die Loyalität und Moral im Fußball.


»Der Fußball kann sich nicht mehr selbst retten« | © SPIEGEL TV

Anfang 2016 kamen die Football Leaks ans Tageslicht. Hat sich jetzt, zweieinhalb Jahre später, im Fußball etwas verändert? Sind Sie zufrieden mit den Reaktionen?


Uns war allen klar, dass sich am nächsten Tag die Regularien der Branche nicht verändern werden. Das Fußball Business ist eine große Blase. Die Personen kennen sich untereinander seit zig Jahren, machen Geschäfte miteinander und tun sich dementsprechend nicht weh.


Die Enthüllungen haben auf der juristischen Seite sehr viel losgetreten. Durch die Football Leaks hat sich beispielsweise das steuerliche Abgabensystem in Spanien, Frankreich oder England stark verändert. Sehr viele Spieler wurden zu Haftstrafen auf Bewährung oder hohen Geldstrafen verurteilt. Viele namenhafte Spielerberater werden aktuell überprüft. Gegen den Berater von Cristiano Ronaldo läuft zudem eine Untersuchung in Portugal. Dort geht es um eine Summe von über einer Milliarde Euro Transferumsatz.



Sehen Sie Chancen, dass sich der Fußball von selbst bereinigen kann?


Der Fußball kann sich auf Dauer nicht mehr selbst retten. Nur wenn es eine Öffnung der Branche und eine Kontrollinstanz, die sich von außen mit diesen Geschäften auseinandersetzt, gibt, besteht Hoffnung. Wir hatten den Fall Mino Raiola, der mit dem Transfer von Paul Pogba über drei Firmen 49 Millionen Euro verdient hat. So etwas müsste normalerweise eine unabhängige Staatsanwaltschaft prüfen.


Das Fußballbusiness kennt keine moralischen Parameter oder Grenzen. Der Fußball setzt das letzte Gut, das er noch hat, die Glaubwürdigkeit, aufs Spiel.



Ist das nicht die Aufgabe der FIFA oder UEFA?


Wer im Glashaus sitzt, kann nicht gut mit Steinen werfen. Die Verbände sind diejenigen, die im ganz dünnen Glashaus sitzen. Sie haben über Jahrzehnte nichts anderes gemacht als diese Strukturen im Fußball aufzubauen.


Die FIFA hat beispielsweise vor einigen Jahren das Lizenzierungsverfahren für Spielerberater außer Kraft gesetzt. Das führt dazu, dass es ein Eldorado für das Spielerberater-Business gibt und jede beliebige Person diesen Beruf ausüben kann. Junge Spieler können nicht erkennen, ob jemand ein guter oder schlechter Spielerberater ist.


»Ich frage mich, wo bleibt da noch die Loyalität und Moral im Fußball« | © adidas

Wo sehe Sie die Zukunft der Football Leaks? Wann ist dieses Projekt abgeschlossen beziehungsweise ein Ende in Sicht?


Das kann ich nicht einschätzen, in welche Richtung dieses Projekt am Ende gehen wird. Es wird weitere Enthüllungen geben, weil das Material noch nicht „auserzählt” ist. Ich bin jedes Mal aufs Neue überrascht, wenn wir Dokumente bekommen, welche Geschichten sich dahinter verstecken. Alles steht und fällt damit, welche Daten John uns zur Verfügung stellt.



Von Alexander Friedl


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