»Sobald er zum Elfmeter antritt, fühlt er sein Bein nicht mehr«

Hat der Fussball noch Potenzial im körperlich-psychologischen Bereich?


In den letzten Jahren hielt die Psychologie mehr und mehr Einzug in den Fußball. Die alte Weisheit, dass ein Wille Berge versetzen kann und Aussprüche wie, „das Spiel wird zu 80 Prozent im Kopf entschieden“, finden nun Ausdruck in der Realität der Sportwelt. Wie aber sieht es mit der Psychologie selbst aus? Ist sie eine schon abgeschlossene und perfektionierte Wissenschaft? Durchaus nicht. Ein Gastkommentar von Autor Christoph Weigert.

»Der hat viel Gefühl im Fuß« | © pixabay

Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf ein aufstrebendes Feld der Psychologie lenken, welches sich Körperpsychologie nennt. Die Hauptunterschiede hierbei sind, dass die klassische Psychologie ein top-down und die Körperpsychologie ein bottom-up-Ansatz ist. Übersetzt sagen die einen (topdown), dass der Kopf dem Körper sagt was er zu machen hat, die anderen wiederum sagen – der Körper hat ein gewaltiges Wörtchen mitzureden was der Kopf so denkt und wie er (wir) sich fühlt. „Na und?“, könnte man sich jetzt fragen. Ich werfe jetzt noch mit einer weiteren Zahl und einem simplen Model um mich, und begebe mich danach zu den praktischen Beispielen: 80 Prozent.


Jeder Nerv in unserem Körper hat zwei Straßen. In die eine Richtung fahren alle Befehle vom Kopf Richtung Körper („heb deinen Arm“), in die andere Richtung fahren alle Signale vom Körper zum Kopf („meine Oberschenkel zerreißts gleich, so brennen die!“). Jetzt ist es so, dass auf einer unserer wichtigsten Straßen im Körper, dem sogenannten Vagus (Vagabund) Nerv, der den Kopf mit allen lebensnotwendigen Organen verbindet, der Städteplaner unseres Körpers etwas kurioses gemacht hat. Die Straße Richtung Kopf ist vierspurig (80 Prozent), die Straße Richtung Körper jedoch nur einspurig (20 Prozent). Wenn nun aber 80 Prozent der Spiele im Kopf entschieden werden, aber der Großteil der Stimmung unseres Kopfes auf den Signalen des Körpers basiert, dann lohnt sich darauf zumindest ein genauerer Blick. Was sind diese Signale des Körpers überhaupt?



Man kann diese Signale, beziehungsweise Gemütszustände, in drei Bereiche unterteilen: Der erste ist der grüne Bereich, dort läuft alles wie geschmiert, ich fühle mich gut und wohl, ich bin in einem konstruktiven Kontakt mit meinen Mitmenschen (Mitspielern) und ich kann die Belastung gut steuern. Als nächstes geht es nach oben in den roten Bereich. Dies geschieht wenn der Stress, der Druck und die Anforderungen an mich steigen – sowohl auf dem Platz als auch im Alltag. Das Adrenalin schießt mir ins Blut, mein Herzschlag und Atemfrequenz erhöhen sich. Der Körper rüstet sich, aus biologischer Sicht, für einen Kampf oder die Flucht (fight or flight im Englischen). Dann gehen wir noch einen Schritt weiter: Unsere Versuche des Kampfes oder der Flucht waren erfolglos, der Säbelzahntiger (zu seiner Zeit war es, als unser Nervensystem sich in diese Richtung entwickelt hat und heute noch so funktioniert) steht mit geöffnetem Mund über uns. Was passiert nun?


Wir kommen in den sogenannten blauen Bereich, ähnlich wie ein Wal der auf einen langen Tauchgang geht. Unser Herzschlag fährt runter, die Verdauung stellt sich ein und wir gehen in den absoluten Energiesparmodus. Das für mein später folgendes Beispiel wichtigste Symptom ist jedoch: Wir spüren unseren Körper nicht mehr, sondern „lösen“ uns los von ihm, was man in der Psychologie als Dissoziation beschreibt. Dies geschieht zum einen, weil manche Tiere auf diesen sogenannten Totstellreflex (wie die Katze bei der Maus) hereinfallen und daraufhin von ihrer vermeintlich toten Beute ablassen – oder aber die Beute gnädigerweise nicht mehr alles mitbekommt, während sie verspeist wird.


Franck Ribéry ist außer für seine Künste auf dem Spielfeld auch für seine kurze Zündschnur bekannt. | © instagram.com/franckribery7

Wo ist die Relevanz für den Sport?


Beginnen wir mit Franck Ribéry. Er ist außer für seine Künste auf dem Spielfeld auch für seine kurze Zündschnur bekannt. Er ist leicht zu provozieren und kommt schnell in den roten Bereich, wo der Körper sich auf ein Kämpfen oder Flüchten einstellt. Das ist schlecht, vorallem wenn es im Halbfinale der Champions League passiert. Bei ihm ist es zudem auch so, dass er relativ lange benötigt um wieder in den grünen Bereich zu kommen. Das ist insofern nachteilig, da der grüne Bereich der Zustand ist, in dem wir und unsere Gewebe, uns von den Strapazen des Spiels oder Trainings erholen (rest and digest im Englischen). Wenn man sich die Vielzahl an Verletzungen Ribérys ansieht, wird diese These substantieller untermauert, als es – ohne das Wissen um diese biologischen Hintergründe – einfach als gottgegebene Verletzungsanfälligkeit zu betrachten.


Als nächstes Beispiel dient uns Per Mertesacker, der sich 2018 in einem vielbeachteten Interview über die Strapazen des immensen Drucks im Profifußball „geoutet“ hat. Bei ihm lösten dieser Druck häufig Brechreiz und Durchfall aus. Das ist wieder ein klassischer Fall aus dem roten Bereich (Kämpfen oder Fliehen), wo sich der Körper entleeren will, um danach schneller weglaufen zu können. Mertesacker beschrieb auch, dass er, sobald der Druck zu viel wurde, sich oftmals eine Verletzung zuzog. Wenn wir uns zu lange im roten anstatt im grünen Bereich, in dem wir regenerieren, aufhalten neigen wir dazu uns leichter zu verletzen.


Per Mertesacker: Ein Fall aus dem roten Bereich, wo sich der Körper entleeren will, um danach schneller weglaufen zu können. | © instagram.com/p_mertesacker

Das nächste Beispiel entspringt einem Interview des Sportpsychologen Peter Boltersdorf, der 2007 die deutschen Handballer auf dem Weg zum WM Titel begleitete. Dort schildert er wie ein Fußballer ihm einst verriet, dass er, sobald er zum Elfmeter antritt, sein Bein nicht mehr fühlen kann!


Ist das die Erklärung für manche grotesk anmutende Fehlschüsse? Vielleicht, denn der Elfmeter ist eine Situation von erheblichem Druck – aber, je nach persönlicher Resilienz (Widerstandskraft) geht jeder Mensch anders mit Druck um. Manch einer bleibt vielleicht in seiner grünen Zone und ganz entspannt - besagter Spieler, beziehungsweise sein Nervensystem, ging aber bis in den blauen Bereich, in dem man von seinem Körper dissoziiert und eben nicht mehr spürt – sicherlich kein Wettbewerbsvorteil!


Wie kommt es zu den Unterschieden? Warum bleibt einer im grünen Bereich und warum taucht einer in den Blauen ab? Die Entwicklung der Widerstandkraft unterliegt vielen verschiedenen Faktoren und Einflüssen. Eine Antwort liegt in unseren Lebenserfahrungen: Sind wir in einem guten, stabilen und sicheren Land sowie Elternhaus auf die Welt gekommen? Oder haben wir früh in unserem Leben Gefahr und wenig Unterstützung verspürt? Bei Franck Ribéry könnte man mutmaßen, dass sein Autounfall als kleines Kind, bei dem er durch die Schutzscheibe geschleudert wurde und von dem er seine markante Narbe davon trug, eine Rolle spielt. Solche gravierenden Geschehnisse, auch als Trauma bekannt, können sich auf unbestimmte Zeit in unseren Zellen und Nervensystem einbrennen.


Bei Franck Ribéry könnte man mutmaßen, dass sein Autounfall als kleines Kind, bei dem er durch die Schutzscheibe geschleudert wurde. eine Rolle spielt. | © instagram.com/franckribery7

Welche Möglichkeiten bieten sich uns, um all diese regelmäßig unerkannten Nachteile, die im Profisport mit Sicherheit weit verbreitet sind, zu beheben? Hier möchte ich vorallem die Modalität des Somatic-Experiencing, entwickelt von Dr. Peter Levine, einem ehemaligen Stressberater der NASA, hervorheben. Hier lernt der Klient, stark vereinfacht gesagt, wie man die verschiedenen Zustände des Nervensystems, grün-rot-blau, am besten navigiert, widerstandsfähiger wird und seinen grünen Bereich erweitert, um sein Regenerationspotenzial voll zu entfalten. Das Somatic- Experiencing findet weltweite Anwendung, beispielsweise als Soforthilfe nach Naturkatastrophen oder auch für Mitglieder des amerikanischen Militärs nach seelisch und körperlich belastenden Einsätzen. Soldaten sind nicht bekannt dafür, Dinge die nicht praxistauglich sind, unnötig oft zu wiederholen. Kollegen aus Österreich und Brasilien haben mir bestätigt, es ebenso erfolgreich mit Sportlern anzuwenden. Es empfiehlt sich jedoch nicht nur zur Aufarbeitung alter seelischer und körperlicher Verletzungen sondern auch zur Vorbereitung auf den Wettstreit. So ist es beispielsweise nicht nur möglich, wieder Gefühl in vorher „taube“ Körperstellen zu bringen, sondern auch in normale Körperstellen eine Portion „extra“ Gefühl zu bringen. Und wie sagt man so schön über begnadete Techniker? „Der hat viel Gefühl im Fuß!“


108 Seiten hochinformative und lesenswerte Lektüre

Das Imperium von Dietrich Mateschitz: Wie sich Red Bull über 30 Jahre mit aggressiver (Sport-)Kommunikation zur Weltmarke und zum Milliardenunternehmen entwickelt hat und viele weitere spannende Themen!

Von Christoph Weigert

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